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Vogelgrippe & Co - Panik ist keine Lösung

Aktualisiert: 7. Dez. 2025

Wie gute Haltungsbedingungen, Wissen und gesunder Menschenverstand Geflügel schützen kann


Wenn die Medien wieder über „das mysteriöse Vogelsterben“ oder „tausende gekeulte Tiere“ berichten, entsteht schnell der Eindruck, als würde sich ein unsichtbarer Schatten über jeden Hühnerstall legen. Viele Halter reagieren mit Sorge oder Unsicherheit – verständlich, schließlich hängen Herzen an diesen Tieren.



Doch bevor man den Stall verrammelt, alle Freilaufflächen sperrt und jedes Federtier am Himmel misstrauisch mustert, lohnt sich ein ruhiger Blick auf das, was wirklich passiert. Die Vogelgrippe ist eine ernstzunehmende Erkrankung, aber kein Grund, in totale Panik zu verfallen. Wer versteht, wie das Virus funktioniert, wie es sich verbreitet – und was man selbst wirksam tun kann – handelt sicherer, entspannter und zum Wohl seiner Tiere.



Die Vogelgrippe ist keine Neuerfindung der Medien


Die Vogelgrippe ist alles andere als neu. Die ersten Fälle wurden 1878 in Italien beschrieben - damals hieß es noch "Hühnerpest". Das eigentliche Virus - ein Influenza Virus des Typs A - ließ sich 1955 eindeutig identifizieren.


Das erste Mal so richtig in den Fokus rückte die Erkrankung aber erst in den 1990er-Jahren, als der Subtyp H5N1 auftauchte. Er zeigte deutlich schwerere Verläufe und Forscher beobachteten weltweit, dass das Virus in Wellen auftritt - meistens im Herbst und Winter, wenn Zugvögel auf Reisen sind.


In Deutschland sind regelmäßige Ausbrüche seit 2006 dokumentiert. Warum wird jetzt immer häufiger davon berichtet? Die Landwirdschaft und die Tierbestände sind viel enger vernetzt als früher; die Haltungsbedingung sind dabei aber schlechter oder nur geringgfügig besser geworden. Aktuell geht man davon aus, dass pro Jahr weltweit rund 70 Milliarden Hühner allein für den menschlichen Verzehr geschlachtet werden - das sind 202.000.000 pro Tag. Das allein erklärt schon, warum die Haltung der meisten Hühner gar nicht zuträglich zu ihrer Gesundheit sein kann.




Was ist Vogelgrippe eigentlich?


Die Vogelgrippe – oder in schlau: Aviäre Influenza – wird durch Influenza-A-Viren ausgelöst. Besonders relevant sind Subtypen, bei denen das Hämagglutinin (ein Protein auf der Oberfläche des Virus, das ihm ermöglicht, an die Wirtszelle anzudocken und in sie einzudringen) die Nummer 5 oder 7 trägt. Diese Varianten können schwere Erkrankungen bei Geflügel auslösen.


Während manche Viruslinien kaum Symptome verursachen, führen andere zu schweren Atemproblemen, Kreislaufversagen und hohen Sterblichkeitsraten. Eine Impfung für Hausgeflügel ist in der EU aktuell nicht zugelassen (man arbeitet daran).


Die Infektion mit der Vogelgrippe zeigt sich nicht immer sofort. Gerade bei Enten und Gänsen können die ersten Anzeichen sehr unscheinbar sein. Hühner und Puten reagieren meist deutlich schneller. Typisch ist zunächst, dass die Tiere ruhiger werden, sich vom Schwarm absondern oder weniger fressen. Manche wirken plötzlich träge, wollen nicht mehr aufstehen – etwas, das man als Halter oft für „einen schlechten Tag“ hält.


Wird die Viruslast größer, kommen häufig Atemprobleme hinzu: schnelle Atmung, leicht geöffneter Schnabel, manchmal ein leises Pfeifen oder Pumpen. Die Tiere wirken „neben sich“, reagieren langsamer und ziehen sich zurück. Sind die Tiere stark betroffen, sieht man geschwollene oder verfärbte Kämme oder Kehllappen – ein sichtbares Zeichen für Kreislaufprobleme. Auch ein plötzlicher Rückgang der Legeleistung kann ein Hinweis sein.


Enten und Gänse zeigen häufig einen unkoordinierten Gang, Schiefhaltung des Kopfes oder Gleichgewichtsprobleme, denn bei ihnen schlägt das Virus oft auf das Nervensystem. Puten können schon früh durch Trägheit, Atemprobleme und Durchfall auffallen. Bei allen Arten gilt: Wenn mehrere Tiere kurz hintereinander schwer krank werden oder plötzlich versterben, sollte man hellhörig werden.


Diese Symptome sind nicht immer eindeutig, weil viele Infektionen ähnlich aussehen. Darum noch einmal kurz gesagt:


Die Kombination aus Atemproblemen, neurologischen Auffälligkeiten, plötzlicher Trägheit und dem Ausfall ganzer Gruppen sollte bei Tierhaltern dazu führen, mindestens (!) den Tierarzt mit diesen Informationen zu versorgen und auf den Hof zu holen. Der Verdacht ist allerdings bereits dem Veterinäramt zu melden. Nicht aus Angst, sondern damit Fachleute die Situation einschätzen können. Oft genug gibt es Entwarnung – aber Vorsicht bleibt die Mutter der Porzellankiste.



Was bedeutet H5N1?


Die Kürzel H5, H7 oder N1, die in den Nachrichten auftauchen, sind kein Geheimcode, sondern die Beschreibung der Hauptwerkzeuge, die das Virus benutzt, um die Zelle zu infizieren und wieder zu verlassen. Dabei ist das bereits erwähnte Hämagglutinin der „Türöffner“ – ein Protein, das auf der Außenseite des Virus sitzt. Es erkennt bestimmte Moleküle auf der Zelloberfläche, dockt sich an und ermöglicht das Eindringen des Virus in die Zelle.


Die Neuraminidase, also das N, ist gewissermaßen der „Befreier“. Sie löst frisch gebildete Viren von der Zelloberfläche ab, damit sie weitere Zellen infizieren können. Ohne dieses Enzym würden neu entstandene Viren festkleben und könnten sich nicht verbreiten.


Wer sich noch an Grippemittel wie „Tamiflu“ erinnert: Dieses Medikament ist ein sogenannter Neuraminidase-Hemmer, der genau an dieser Stelle ansetzt, um die Verbreitung des Virus im Körper zu stoppen.



Newcastle Disease - die stille Schwester

Die Newcastle Disease klingt ähnlich gefährlich wie die Vogelgrippe und verhält sich in vielen Punkten auch so, wird jedoch von einem völlig anderen Erreger ausgelöst. Seit 1973 gibt es in Deutschland eine Impfpflicht für Hühner, wodurch die Krankheit weitgehend unter Kontrolle ist.


Die Impfung gilt als sicher, beeinflusst weder Fleisch noch Eier und schützt zuverlässig vor Ausbrüchen.


Und die Symptome?

Veränderte Lautäußerungen – oft heiser oder ungewöhnlich leise –, Atemwegsprobleme mit wässrigem Nasenausfluss, auffällige Verdauungsveränderungen wie grünlicher, wässriger und häufig stark riechender Kot sowie deutlich erkennbare neurologische Auffälligkeiten bei Hühnern. Der restliche Verlauf kann der Vogelgrippe ähneln, aber die Kombination aus Atemwegen und Nervensystem ist bei Newcastle typischer und stärker ausgeprägt.




Was kann man tun?


Prävention: Haltung, Futter, Luft und Licht


Der wichtigste Schutz gegen Infektionen beginnt nicht im Labor, sondern im Stall. Das Immunsystem von Geflügel reagiert schnell auf Stress, Feuchtigkeit, schlechte Luft, Hunger oder Langeweile. Krankheiten schlagen dann besonders hart zu, wenn das Tier bereits geschwächt ist.


Hühner, Enten und Puten brauchen einen trockenen Stall – auch dann, wenn es tagelang regnet. Feuchtigkeit ist der größte Feind, denn sie verbindet sich mit Kot und Einstreu zu einem warmen Nährboden für Keime. Auch die Luftqualität macht einen enormen Unterschied. Ammoniak aus altem Kot kann die Atemwege so stark reizen, dass die Tiere innerhalb kurzer Zeit wesentlich anfälliger für Erkrankungen werden.


Unterschätzt wird beim Geflügel leider häufig der Stress. Geflügel leidet still – aber dauerhaftes Mobbing, zu wenig Rückzugsmöglichkeiten oder überfüllte Ausläufe führen zu ständigem Anstieg des Stresshormons Cortisol, das das Immunsystem regelrecht lahmlegt. Ein einziger Hahn zu viel, eine ständig kippende Rangordnung, ein Stall, der nachts zu unruhig ist – und schon steigt die Empfindlichkeit für Infektionen deutlich.


Eine ganz zentrale Rolle spielt das Futter. Schimmelsporen im Getreide oder ranzige Fette belasten die Leber und schwächen die körpereigene Entgiftung. Weicher Kot, Appetitlosigkeit oder stumpfes Gefieder sind dann oft keine Infektion, sondern das Resultat schlechter Futterqualität, mangelhafter Lagerung oder zu hoher Feuchtigkeit.



Zur guten Haltung gehört auch eine gewisse Tagesstruktur: genügend Beschäftigung, Zugang zu frischem Boden, ein funktionierendes Sandbad und ausreichend Futterstellen. Langeweile führt zu Federpicken, Unterdrückung, sozialem Stress – und schwächt wiederum das gesamte System.


Pflanzlich kann man den Organismus übrigens insgesamt gut unterstützen, damit er gar nicht erst krank wird: Thymian und Oregano für die Atemwege, Brennnessel für die Mineralstoffversorgung und ein Schuss Apfelessig im Trinkwasser für die Hygiene. Das ersetzt keine Diagnostik, sorgt aber im Herbst für einen stärkeren Gesamtorganismus im Alltag.


Gegen die Vogelgrippe ist ein starkes, gut gehaltenes Huhn ein enormer Vorteil.



Infektion möglich - und jetzt?


Nicht jede Veränderung im Verhalten eines Huhns bedeutet Gefahr. Hühner haben – wie jedes Tier – ihre kleinen Schwankungen. Wichtig ist, aufmerksam zu sein und die Veränderungen einzuordnen. Wie atmet das Tier? Frisst es? Wirkt es wach und neugierig? Ist das Gefieder sauber und glatt? Ist es plötzlich schwer krank? Haben mehrere Tiere Symptome?


Der wichtigste erste Schritt: Ruhe bewahren. Panik führt fast immer dazu, dass man vorschnell handelt oder Details übersieht, die später entscheidend sein können.


Belasse die Tiere zunächst in ihrem gewohnten Umfeld, um Stress zu vermeiden – am besten im Stall. Beobachte sie genau, um festzustellen, wie viele Tiere betroffen sind und wie schnell sich die Symptome entwickeln. Erhärtet sich dein Verdacht, sollte kein Tier mehr aus dem Stall gelassen werden und keine neuen Tiere dazukommen. Futter- und Wasserstellen sollten unverändert bleiben. Nach dem Stallkontakt gründlich Hände waschen und die Kleidung wechseln – das klingt banal, verhindert aber, dass man den Erreger unabsichtlich von A nach B trägt.


Der nächste Schritt ist die Meldung beim Veterinäramt. Das klingt für viele einschüchternd, doch die Zusammenarbeit mit dem Amt ist bei diesem Thema meist sehr unkompliziert. Niemand erwartet, dass ein Halter die richtige Diagnose stellt – dafür sind die Amtstierärzte da. Hast du zu große Hemmungen, dort direkt anzurufen, kannst du auch den Tierarzt deines Vertrauens kontaktieren, die Beobachtungen schildern und ihn bitten, die Meldung vorzunehmen oder sich zuvor selbst ein Bild der Lage zu machen. Die Meldung selbst ist gesetzlich verpflichtend.


Bis zur Klärung sollte man Besuche anderer Halter vermeiden und keine Tiere, Eier oder Einstreu weitergeben. Mehr muss man zunächst nicht tun. Man sollte außerdem hektische Maßnahmen wie das Sprühen von Desinfektionsmitteln vermeiden – sie können das Bild verfälschen und der Diagnostik im Weg stehen.



Wildvögel - keine Feinde, sondern Frühwarnsysteme


In Krisenzeiten werden Wildvögel gern als Hauptschuldige dargestellt. Dabei sind sie eher ein Spiegel dessen, was in der Umwelt passiert. Zugvögel transportieren Viren seit Jahrtausenden über Kontinente – das ist ein Teil des natürlichen Kreislaufs.


Anstatt sie zu verteufeln, ist es sinnvoller, die eigenen Tiere so zu halten, dass ein unnötig enger Kontakt gar nicht erst entsteht. Ein überdachter Auslauf, getrennte Futterstellen und keine offenen Wasserflächen auf dem Grundstück reichen meist schon aus, um das Risiko deutlich zu senken.


Auch Wildvögeln – in angemessener Entfernung zum eigenen Geflügel oder durch tierliebe Menschen ohne eigenen Geflügelbestand – gutes Futter und sauberes Wasser anzubieten, stärkt deren Immunsystem. Hier findet ihr weiterführende Informationen dazu, auch im Hinblick auf Fütterung und Vogelgrippe:https://www.nabu.de/tiere-und-pflanzen/voegel/helfen/vogelfuetterung/index.html



Aktuelle Lage (Herbst 2025)


Laut dem Friedrich-Loeffler-Institut wurden zwischen Oktober und Anfang November 2025 insgesamt 66 Ausbrüche der hochpathogenen H5N1 in Deutschland bestätigt. In Baden-Württemberg ist ein größerer Betrieb im Alb-Donau-Kreis betroffen.


Einzelne Fälle bei Wildvögeln - etwa Kraniche am Rhein - zeigen, dass das Virus regional präsent ist. Eine flächendeckende Stallpflicht besteht derzeit nicht, wird aber je nach Infektionsgeschehen lokal verhängt.


Die Lage ist aktuell stabil und kontrollierbar, sofern Halter aufmerksam bleiben und Sicherheitsmaßnahmen berücksichtigen.



Wie sich Vogelgrippe auf andere Tiere überträgt - und was das Bedeutet


Die Vogelgrippe gilt als klassischer Vogelvirus - das stimmt auch, denn sein natürliches Ziel sind Zellen im Atmungs- und Verdauungstrakt von unserem Federtier. Trotzdem kann sich das Virus in seltenen Fällen auf Säugetiere übertragen.


Solche Infektionen entstehen meist dort, wo ein Tier sehr engen Kontakt zu hochinfektiösen Vogelkadavern hat. Füchse, Marder oder Waschbären können sich beispielsweise anstecken, wenn sie verendete Vögel fressen. Die Erkrankung verläuft dann oft schwer, breitet sich aber innerhalb der Art nicht weiter aus.


Auch Katzen können sich infizieren, wenn sie erkrankte Vögel erlegen. Die Symptome ähneln einer schweren Grippe. Fieber, Atemnot oder neurologische Auffälligkeiten sollten einen Tierarztbesuch wert sein (immer). Auch hier bleibt die Infektion beim einzelnen Tier stehen - eine Katze steckt keine zweite an.


Viele dramatische Bilder oder Schlagzeilen („Katze mitten unter toten Vögeln gefunden – alles H5N1!“) sind irreführend oder schlicht nicht plausibel. Die Krankheit hat eine Inkubationszeit, Symptome entwickeln sich über Stunden bis Tage, nicht in Minuten.


Hunde sind grundsätzlich auch empfänglich, aber reagieren robuster. Erkrankungen sind bisher sehr selten und begrenzt.


Beim Menschen entstehen Infektionen fast ausschließlich durch extrem engen Kontakt zu erkranktem Geflügel - zum Beispiel in großen Betrieben. Mensch-zu-Mensch Übertragung gibt es, soweit ich weiß, auch nicht.


Warum dann dieses enorme Drama und die Massenkeulungen? Die betroffenen Tiere verenden qualvoll – das ist aber in der öffentlichen Diskussion oft nur nebensächlich. Viel schmerzhafter, zumindest für Großbetriebe, sind schlicht die finanziellen Verluste.



Fazit: Ruhe bewahren, Wissen pflegen


Die Vogelgrippe ist ernst, aber kein Grund zur Panik. Wer seine Tiere gut hält, aufmerksam bleibt und nicht jedem medialen Aufschrei hinterrennt, hat schon einen Großteil der Prävention getan.


Angst schwächt - Information stärkt. Ein gesunder Hühnerstall ist kein Zufall, sondern das Ergebnis guter Haltung.





Rechtlicher Hinweis


Dieser Artikel dient der allgemeinen Information. Er erstetzt keine tierärztliche Diagnose oder Behandlung.


Der Verdacht auf eine anzeigepflichte Erkrankung ist umgehend das zuständige Veterinäramt zu informieren (§ 4 Tiergesundheitsgesetz TierGesG (vormals Tierseuchengesetz)).







Quellen:

Friedrich-Loeffler-Institut - Avian Influenza (AI) / Fowl Plague

Friedrich-Loeffler-Institut - Übersicht zu Ausbrücken und Risikobewertung

§ 4 Tiergesundheitsgesetzt (TierGesG) - Anzeigepflicht

Buch: Heilende Kräuter für Tiere - Cäcilia Brendieck-Worm, Franziska Klarer, Elisabeth Stöger

Buch: Vetenary Herbal Medicine - Susan G. Wynn, Barbara J. Fougère


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